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 In den Fängen der Social Networks

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Meridan
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BeitragThema: In den Fängen der Social Networks   Mo Aug 02, 2010 7:06 pm

In den Fängen der Social Networks

Es fing vor vielen Jahren mit dem Internet ganz harmlos an. Private Webseiten waren „in“. Jeder konnte über sich erzählen, was er wollte und vielleicht haben es sogar irgendwelche Leute irgendwann mal gelesen. Dann kam die nächste Stufe, Internet-Foren, jeder war irgendwo angemeldet oder hatte selbst eins und spammte was das Zeug hielt (waren DAS noch Zeiten). Dann kamen die Blogs dazu und inzwischen gibt’s sogar in Foren eingebettete Blogs (ja, ihr lest gerade eins). Doch irgendwann zwischen all dem kam noch etwas anderes dazu, etwas, was momentan die Multimedia Welt geradezu beherrscht: die Social Networks.
Für mich fing es ganz harmlos an, im Studivz. Es war toll, man konnte Leute aus der Uni adden (oder vielmehr, wie ich kürzlich erfuhr „frienden“), schauen, wer sonst noch die gleiche Lehrveranstaltung hat und, das Wichtigste, sinnlosen Gruppen beitreten, die mit Namen wie „Eimer, warum sie unten zu sind“ oder dem zur Legende gewordenen „Schakkeline, komm von die Regale weg du Arsch“ glänzten. Es war einfach toll. Immer wieder gab`s sinnlose Kettenmails und man dachte sich nur „Juhu, endlich keine Spam-Emails mehr“ und löschte den Beitrag. Doch zwei weitere Phänomene machten sich breit: das „ich hab dich schon mal gesehen und adde (ja ich bleib beim adden, da frienden einfach scheußlich klingt) dich einfach mal“ und das „schau mal was für tolle Bilder man aus Kommata machen kann“ Phänomen. Das erste Phänomen hatte zur Folge, dass man ganz schnell ganz viele Freunde hatte, mit denen man nie auch nur ein Wort wechselte, die aber ganz toll in der Liste aussahen. Das zweite hatte zur Folge, dass man das eigene Gästebuch permanent von tollen Häschen („begleite Hase auf dem Weg zur Weltherrschaft“, wer`s noch kennt) oder anderem Zeichenmüll säubern musste. Aber irgendwie gehörte es dazu.
Wir waren damals soweit, dass sich mein Freundeskreis über ein anderes Social Network organisierte und ich zu WKW auswanderte. Hier gab`s keine lustigen Gruppen, weniger Studenten und auch keine Lehrveranstaltungen. Dafür viele andere Dinge Wink Es war eine tolle Sache, man konnte permanent jedem eine Nachricht hinterlassen und wunderbar sein Wochenende und andere Dinge planen. Nach und nach rutschte man mehr und mehr in die Abhängigkeit dieser Plattform. Wer wissen wollte, was am Wochenende geplant war, musste nur mal eben in die Gruppe schauen. So weit so effektiv, einfach und harmlos.

Bis vor einiger Zeit die, ich zitiere eine Freundin, „größte Seuche der modernen Welt“ auch bei mir Einzug erhielt: Facebook. Bei Facebook ist alles anders. Nicht nur, dass ich Tage brauchte, bis ich das Menü kapierte, es gab auch keine Gruppen mit denen man angeben konnte mehr. Aber das war auch nicht der Grund, der mich zu Facebook zog. Es war ein Satz eines Kumpels und seine darauffolgende Email Anfrage „Hey, Bock zu Facebook zu gehen, ich brauch noch Member in meiner Mafia“. Mein erster Gedanke war wohl „WTF?“, aber dann, nachdem ich in die Welt der Facebookspiele eingetreten war, kannte ich erst mal keine Langeweile mehr. Farmville, Treasure Isle, Mafia Wars und viele andere beherrschten mein iLife. Jeder Fortschritt wurde sofort gepostet, damit auch alle Welt sehen konnte, dass ich wieder einen Level aufgestiegen war.
Es waren schon interessante Zeiten. Bis ich schließlich an den Punkt kam, ab dem mir die echten Freunde nicht mehr reichten. Für unzählige Spiele brauchte ich „Member“, „Nachbarn“ oder „Homies“. Also blieb nur eins zu tun, ich lud mir Fremde ein, um die Spiele mit Nachbarn zu füllen, die mir bei Aufgaben helfen, Geschenke schicken und all die anderen kleinen Dinge tun, die diese Spiele täglich fordern. Irgendwo hörte ich damals schon in mir eine Stimme rufen „Du Depp… die sehen dein ganzes Profil“ aber irgendwie waren die Spiele so toll und langweiletötend. Und so konnte eben auch weiterhin jeder all meine Daten einsehen, was soll`s schon. Nun ist das mit den Daten so eine Sache, man hört ja schon von Identitätsdiebstählen und ähnlichem. Aber wenn man ein wenig aufpasst geht das, man sollte eben immer schauen, was man über sich preis gibt. Ich hab da glaube ich eine gute Mischung gefunden.

Aber noch etwas anderes tötete meine Langeweile… Anfragen. Wer schonmal ein Spiel auf Facebook gespielt hat, weiß, wovon ich rede. XXX hat ein Geschenk für dich, hol dir jetzt dein tägliches Geschenk von XXX und so weiter. Ich setzte mich also morgens an meinen Rechner, öffnete Facebook und verbrachte eine halbe Stunde mit dem Abarbeiten dieser Anfragen.
Dann kamen all die Dinge dazu, die auf meiner Pinnwand gepostet wurden, denn auch darauf haben die Spiele zugriff.

Neulich forderte mich jemand auf, doch mal mein Profil aufzuräumen, da dort noch alte Beträge waren. Ich kam der Aufforderung natürlich nach und löschte alles Sichtbare von diversen Spielen aus meinem Profil. Kurz darauf erntete ich kein Lob sondern ein „da steht ja immer noch so viel“. Ich war verwundert und schaute nach, tatsächlich immer noch Einträge von Spielen, aber ich hatte doch alles gelöscht. Bis mein Blick auf das Datum fiel, die Einträge waren vom Vortag. Sollte etwa…?

Ein Klick auf „ältere Beiträge“ offenbarte mir das Übel: ich hatte nur die neuesten Beiträge gelöscht, die übrigen Aufmerksamkeitsbekundungen diverser Spiele der letzten 8 Monate bevölkerten noch mein Profil. Ja, es kostete mich Stunden, aber ich habe mein Profil bereinigt und mir nun vorgenommen, es täglich zu tun, denn eines war mir aufgefallen: Durch die zahlreichen Postings diverser Spiele und Fremder Leute auf meiner Pinnwand und Hauptseite entging mir nicht nur das, was reale Freunde posteten, man konnte auch auf meiner Seite nicht mehr das lesen, was ich reinschrieb, da es sofort durch mehrere Spieleinträge zahlreiche Seiten nach hinten rutschte.

Ein schönes Dilemma, da meldet man sich an, um alle Welt wissen zu lassen, dass man grad vom Friseur kommt und nun ganz kurze Haare hat, und keiner bekommt es mit, da 50 wildfremde Leute Spielbotschaften ohne Ende posten. Ein Teufelskreis. So war das ursprünglich nicht gedacht, aber es ist
bei mir noch harmlos. Erst kürzlich las ich einen Artikel über eine Amerikanerin, die 12000 Facebook Freunde hatte und ihrer eigenen Aussage nach, keinen einzigen davon kannte, geschweige denn je mit einem redete. Stattdessen spielte sie über 30 Spiele bei Facebook und verbrachte 16 Stunden am Tag mit dem versenden von Geschenken, dem „farmen“ der Nachbarn und dem Spielen der Spiele.

Einen Teil des Ganzen habe ich bislang jedoch unbeachtet gelassen: den finanziellen. Diese Spiele sind Gratis, das stimmt. Jedoch kommt man im Laufe dieser Spiele an einen Punkt, ab dem der Einsatz realen Geldes richtige Vorteile bringt. Und die Firmen sind auch echt kreativ mit dem Einsatz unseres richtigen Geldes. Wen kümmert es schon, dass man die Spielziele auch ohne Geld erreichen könnte, anders geht es doch viel schneller. Und schon ertappt man sich dabei, dass man mal 5€ in dieses Spiel, 5€ in jenes Spiel investiert. Auf den Monat rechnet man das besser nicht hoch, schließlich will man mit dem Spielen ja noch Spaß haben. Aber für die Industrie reicht es, schließlich sind auch 10% von einer Milliarde schon ein Haufen Geld.

Zum Glück habe ich noch ein Leben nebenbei, so dass ich nicht permanent vorm Rechner sitze und spiele. Außer ich kaufe mir ein Smartphone, mit dem auch ich permanent die Welt mit Nachrichten überfluten kann, die keiner liest, keiner braucht und die keinen interessieren. Und warum schreiben wir das alles dann?
Weil wir es können!
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BeitragThema: Re: In den Fängen der Social Networks   Mi Aug 04, 2010 11:32 am

Haha! Ich habs geschafft mich den Spielen zu entziehen xD Nicht weil ich die nicht Spaßig fänden, sondern genau WEIL man andere braucht die einem beim weiterkommen helfen und das fand ich immer voll nervig.

Super treffender Text und wunderbarer Schlußsatz Very Happy
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Meridan
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BeitragThema: Re: In den Fängen der Social Networks   Mi Aug 04, 2010 11:40 am

Danke Smile
Sich den Spielen zu entziehen ist garnicht so einfach.

Und den Schlusssatz liebe ich Wink
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Osch
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BeitragThema: Re: In den Fängen der Social Networks   Do Aug 05, 2010 4:15 pm

Aus irgendeinem Grund les ich die Kolumne und räume besagtes Facebookprofil auf. Ironie des Schicksals?

Aber echt genialer Schlusssatz! =)
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